Projekte rund um die Schule

Die Klangkunst des Atems – Ein neues Trompe-de-Chasse-Projekt an der Freien Waldorfschule Konstanz

Die Trompe de Chasse gehört zu den außergewöhnlichsten Musikinstrumenten Europas. Sie besitzt weder Ventile noch Klappen und wird ausschließlich durch Atemführung, Lippenansatz, Gehör und musikalische Vorstellungskraft gespielt. Jeder Ton entsteht unmittelbar aus der Naturtonreihe – der physikalischen Obertonreihe, die jedem schwingenden Klang zugrunde liegt. Gerade diese unmittelbare Verbindung von Atem, Körper und Klang macht das Instrument bis heute einzigartig.

An der Freien Waldorfschule Konstanz soll diese besondere europäische Musikkultur künftig im Rahmen eines neuen Trompe-de-Chasse-Projekts lebendig werden. Das Projekt entsteht in Kooperation mit dem Forum für Jagdmusik e. V., das seit vielen Jahren die Ausbildung von Trompe-Bläserinnen und Trompe-Bläsern in Deutschland fördert.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht das bloße Erlernen eines historischen Instruments, sondern eine besondere Art des Musizierens. Die Schülerinnen und Schüler lernen zunächst aufmerksam zu hören, gemeinsam zu singen und Klangvorstellungen innerlich zu entwickeln. Erst anschließend werden diese Vorstellungen auf das Instrument übertragen. Die Trompe wird dadurch gewissermaßen zur klanglichen Verlängerung der menschlichen Stimme.
Da das Instrument vollständig auf Ventile verzichtet, entstehen sämtliche Töne ausschließlich aus der Naturtonreihe. Atemführung, Körperspannung, Lippenvibration, Artikulation und feines Gehör greifen unmittelbar ineinander. Die Intonation entwickelt sich nicht mechanisch, sondern aus dem bewussten Hören innerhalb des Ensembles. Charakteristische Zwischentöne werden durch die traditionelle Stopftechnik (Bouché) erzeugt und erweitern die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten.

Die französische Trompe-Musik denkt Melodien dabei nicht als Aneinanderreihung einzelner Töne, sondern als fließende musikalische Bewegung. Wie ein gesprochener Satz oder ein Sonnenaufgang entwickelt sich jede Phrase organisch aus der vorhergehenden. Diese Art des Musizierens schult Aufmerksamkeit, musikalisches Hören und das gemeinsame Gestalten eines lebendigen Gesamtklangs.
Gerade hierin liegt der besondere pädagogische Wert des Projekts. Die Trompe de Chasse verbindet musikalisches Lernen mit Atembewusstsein, Körperhaltung, Konzentration, sozialem Miteinander und künstlerischem Ausdruck. Musik entsteht nicht durch technische Hilfsmittel, sondern unmittelbar aus dem Menschen selbst. So eröffnet das Instrument einen unmittelbaren Zugang zu einer über Jahrhunderte gewachsenen europäischen Musikkultur und macht zugleich erfahrbar, dass gemeinsames Musizieren vor allem gemeinsames Hören ist.

Norbert Nikolaus Geißler

Der ausführliche Fachartikel zur Geschichte der Trompe de Chasse, ihrer Bauweise, ihrer musikalischen Entwicklung und zum Unterrichtskonzept des neuen Trompe-de-Chasse-Projekts ist hier zu finden.

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